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Schmökertipps |
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Robert Seethaler:
Jetzt wirds ernst
Verlag Kein & Aber, München 2010, 302 Seiten
€ 19,90
Schauen Sie auch auf
unsere Veranstaltungsseite:
Robert Seethaler stellt sein neues Buch im November in
Aachen vor.
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Erinnern Sie sich an Herbert, der mit seiner Mutter und
seinem Goldfisch an einer Tankstelle auf dem Dorf lebt, und
an dem mitten im heißen Sommer die personifizierte Liebe in
Form der üppigen Putzfrau des örtlichen Schwimmbads
vorbeiradelt? Was für ein wunderbares Roadmovie hat uns der
sympathische Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler
Robert Seethaler mit "Die weiteren Aussichten" da hingelegt.
Sein dritter Roman "Jetzt wirds ernst" ist jetzt erschienen
und auch darin pflegt er diesen herrlich lakonischen,
zärtlichen und humorvollen Ton. Im neuen Roman sind jede
Menge autobiographische Momente verarbeitet, denn wir
erfahren alles über den Werdegang eines jungen Schauspielers
in der Provinz und seinen Traum, sich in dieser Profession
für die große weite Welt zu empfehlen.
"Mein Weg ans Theater war verschlungen. Unvorhersehbar.
Holprig" so beginnt Robert Seethalers eigenwilliger Held
seine Geschichte. Eine Geschichte, die mit der Kindheit im
kleinen Friseursalon der Eltern beginnt, gefolgt von der
turbulenten Freundschaft mit dem treuen Begleiter und ewigen
Konkurrenten Max und dem ersten Verliebtsein in Lotte mit
den grellpinken Zehennägeln. Doch so viel Unglück diese
Liebe über den Helden bringt, so viel Glück bedeutet sie
letztlich auch, denn durch sie kommt er zum Theater und
damit auf seinen langen, steinigen Weg zum Schauspieler und
vielleicht sogar raus aus der Provinz.
Eine
meiner Lieblingsstellen ist die, wo der Held nach
anfänglichem Angeödetsein durch die Theater-AG und ihr
aktuelles Stück "Die Möwe" von Tschechow auf den Geschmack
kommt und in jeder freien Minute ein Reclamheftchen nach dem
anderen verschlingt.
Anrührend und komisch zugleich, wieder einfach wunderbar!
Barbara Hoppe-Vennen
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Peter Murphy:
„Ich, John"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 271 Seiten
€ 13,90
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John Divine hat’s mit Würmern:
Er lebt mit seiner Mutter, einer Kettenraucherin und
Bibelfanatikerin mit einem Hang zum Morbiden im Kaff Kilcody
und studiert Harpers Handbuch absonderlicher Naturphänomene;
vor allem aber will er weg, die Enge des Ortes und die Strenge
der Mutter machen ihn mürbe. Die Begegnung mit James Corboy,
einem Liebhaber von Rimbaud und Freund von Schmalspurganoven,
dessen lässig-poetischer Stil in rasanter Manier auf John
abfärbt, leitet dann einen Schnitt in Johns Leben ein.
Zusammen entdecken sie nicht nur Dichtung und Freundschaft,
sondern auch Suff und Randale, bis etwas Heiliges zerbricht
und Köpfe rollen. Und John muss feststellen, dass Familien
nichts für die Ewigkeit sind.
Peter Murphys Roman ‚Ich, John’
reklamiert für sich das in Literaturkreisen eher unbekannte
Genre des Blues Noir, und tatsächlich betritt der Autor mit
seinem Helden John Divine Neuland, nämlich das der Reife. John
wird vor den Augen des Lesers erwachsen. Es ist spannend und
amüsant mitzuerleben, wie Corboys Einfluss und das Chaos im
Kielwasser der beiden Freunde John in einem Wirbel von
Schritten und Stolperern zum Mann macht. Ein intelligenter,
ungewöhnlicher Roman, für den Schubladen zu eng sind.
Sami Salamé
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Antonio
Muñoz Molina:
Mondwind
Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 335 Seiten
€ 19,95 |
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Genau so hat sich das damals
angefühlt mit 13 Jahren im Juli 1969: die Pickel waren im
Gesicht, es gab am Tag ungefähr 15 Minuten während denen man
nicht von den unerreichbaren Mädchen geträumt hat und Apollo
11 war auf dem Weg zur ersten bemannten Mondlandung.
Der Erzähler des neuen Romans
von Antonio Munoz Molina ist in der identischen Situation wie
der Verfasser dieser Zeilen damals war, mit dem Unterschied,
dass er in einer kleinen Stadt im Süden Spaniens lebt. Die
Familie ist arm, es gibt im Haus kein fließendes Wasser, der
Vater ist Gemüsebauer und ernährt die Familie mit seiner Hände
Arbeit. Der Sohn schlägt zum Leidwesen des Vaters aus der Art:
er besucht das Gymnasium und interessiert sich für viele Dinge
außerhalb der Erfahrungswelt der Eltern. Im von Patres
geführten Gymnasium schämt sich der Junge beim Sportunterricht
der Unterhosen, die Mutter und Großmutter ihm aus Resten nähen
und da er linkisch und unsportlich ist, kann er sich des
beißenden Spotts seiner Schulkameraden sicher sein. Sein
Refugium ist sein Dachzimmer, in dem er Zuflucht bei den
Büchern findet, die ihm eine ganz andere Welt eröffnen
Muñoz Molina lässt in diesem
großartig erzählten Roman einen Moment in der Zeit lebendig
werden, wo Tradition und Moderne heftig aufeinander prallen.
Generalissimus Franco lebt noch, die abendlichen Diskussionen
der Erwachsenen sind häufig geprägt von den Erlebnissen des
Bürgerkrieges. Für den Jungen ist es fast unmöglich, im
Stimmenwirrwarr der Tischgespräche abends im neu gekauften
Fernsehgerät die Übertragungen vom Apolloflug zu verfolgen.
Die Enge der elterlichen Welt und die Neugier des Jungen auf
die Welt jenseits des Horizonts führt Antonio Muñoz Molina zu
leisen, humorvollen und nachdenklichen Szenen zusammen. Es ist
sehr reizvoll, anhand dieses Romans darüber nachzudenken, wie
unsere Familien in Deutschland zum Zeitpunkt der Mondlandung
aussahen.
Walter Vennen
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