|
|
|
|

|
|
 |

|
|
Schmökertipps |
| |
|
|
|
|

|
Marente de Moor:
Die
niederländische Jungfrau
Suhrkamp, Berlin 2011, 337 Seiten, € 22,90
|
| |
|
|
|
|
|
Sommer 1936: Janna, eine junge Niederländerin wird von ihrem
Vater in den Zug nach Aachen gesetzt, um bei seinem alten
Freud Egon von Bötticher in die Lehre zu gehen - sie soll
ihre Fechtkünste verbessern. Nachdem ihr Vater den
Widerstand gegen ihre Leidenschaft für die Fechtkunst
aufgegeben hat und sie jetzt sogar unterstützt, ist Janna
von einer wilden Euphorie erfasst.
Aachen, Deutschland - die Heimat ihres Idols Helene Meyer,
einer Fechterin mit dem Glorienschein eines Olympiasieges -
wird für die Dauer ihrer Ausbildung die neue Heimat sein.
Egon von Bötticher lebt abgeschieden auf einem Landgut in
Raeren. Er, ein ehemaliger Husar, hat sich weitgehend von
der Außenwelt abgeschottet. Hier gibt er Fechtunterricht und
veranstaltet blutige Duelle für Studenten. Er ist verbittert
und verwundet aus einem Krieg zurückgekehrt, in dem er seine
Ehre verloren hat und in dem verhindert wurde, dass er sie
für sich wieder herstellen konnte. Diesen Umstand lastet von
Bötticher weitgehend Jannas Vater an, einem dieser feigen
Niederländer, die sich rausgehalten haben, der aber dennoch
im ersten Weltkrieg an vorderster Front unterwegs war, um
sich seine ersten medizinischen Sporen zu verdienen. Janna
erkennt svon Böttichers Versehrtheit an Leib und Seele und
sie kann nicht anders als sich zu verlieben.
Alte Wunden, neue Bedrohungen - wir schreiben das Jahr 1936
- und die Übergabe eines Briefes an Egon von Bötticher von
ihrem Vater, der in ihrem Beisein geöffnet werden muss -
ziehen Janna Zug um Zug in einen Strudel von Geheimnissen.
Dekadenz und Aufbruch, Glorifizierung alter Werte und deren
Abgesang - Janna spürt die Tragödie, bevor sie wahrzunehmen
ist. Die Kämpfe um geheimes Wissen werden im Fechtsaal
ausgetragen - bei vollem Bewusstsein um die Gefahr - denn
wer beim Fechten zu viel denkt, ist verwundbar.
Diese Verwundbarkeit zeigt Marente de Moor mit der Präzision
eines Fechtkampfes und der Schnelligkeit der dabei nötigen
Ausfallschritte. Atemberaubend!
Angelika Treusacher
|
|

|
Hisham Matar:
„Geschichte eines Verschwindens“
Luchterhand, München 2011, 189 Seiten,€ 19,99
|
| |
|
|
|
|
Der Autor Hisham Matar lebt in London. Er stammt aus Libyen
und seine eigene Biografie dient als Plattform für den
vorliegenden Roman. „Geschichte eines Verschwindens“ ist ein
in schönster Prosa erzähltes Erinnerungsstück. Fein gewebt
nimmt Matar den Leser mit auf die Reise in ein von Erinnerung
bestimmtes Leben.
Im Gegensatz zu Matar, der 20 Jahre alt, war als sein Vater
von den Häschern des Gaddafi-Regimes entführt wurde, ist der
Erzähler Nuri-el-Alfi erst 14 Jahre alt, als sein Vater
verschwindet. Er war Minister bei einem König, der nicht mehr
regiert und lebte mit seiner Familie im Exil. Kairo, eine
große verwirrend schöne Stadt und eine Wohnung, von der aus
die Mutter einen Blick auf den langsam dahin fließenden Nil
genießen kann, bilden das Zentrum der Zuflucht. Sehr schnell
spürt man das Geheimnis um den Vater und seine Freunde, die in
Paris, London und der Schweiz leben.
Matar fängt die Stimmung im Untergrund ohne laute Töne ein.
Die Familie versucht die Unbeschwertheit zu leben, aber mit
dem Tod der Mutter verändert sich alles. War das Vater–Sohn
Verhältnis bis dahin innig und liebevoll, scheint es nun so,
als habe er ein T-Shirt falsch herum angezogen. Es passt noch
– aber etwas fühlt sich falsch an. Dieses Gefühl verstärkt
sich, als Mona ins Leben der beiden tritt. Sie wird die zweite
Frau des Vaters, aber vom Sohn gleichermaßen verehrt. Mona,
der vor allem gefällt von allen geliebt zu werden, wird
aufgenommen in eine Schutzhülle, die die kleine Familie zu
umgeben scheint. Feste Größen dieser Hülle sind Nana die
Haushälterin und Abdul der Chauffeur. Die Zartheit mit der
Nuris Vater Nana begegnet wird er sonst nirgendwo zu spüren
bekommen.
So sehr uns Leser diese zart beschriebene arabische Welt in
diesem Buch gefangen hält - der alles verändernde Tag wird
sich in der Schweiz abspielen. Ein Besuch beim Notar, eine
Übernachtung bei einer dem Sohn unbekannten Frau, ein
verschwundener Vater – tausend Fragen, keine Antworten und
eine Welt in Scherben werden Nuri zurück in sein englisches
Internat begleiten. Sosehr sich alle bemühen Nuri den Verlust
erträglich zu machen - es fehlt ihm dieses von Angesicht zu
Angesicht Gegenüberstehen, die Möglichkeit sich in den Augen
seines Vaters zu spiegeln, um der eigenen Persönlichkeit eine
Form geben zu können.
Wenn wir Leser Nuri-el-Alfi am Ende zurück in seine Kairoer
Wohnung begleiten dürfen, wird er ein paar Antworten erhalten
haben. Er wird die alten, maßgeschneiderten Anzüge seines
Vaters anprobieren und feststellen, dass seine Eigenen besser
zu ihm und seinem Leben passen. Aber einen alten Regenmantel
wird er zurückhängen in den Schrank, denn den kann man immer
gebrauchen.
Hisham Matar erforscht die Seele eines Jungen, der einen
großen Verlust erfahren hat und der versucht mit seiner Suche
nach Antworten das von Hoffnung verklebte Schweigen zu
durchdringen.
Der erste Satz in seinem Roman lautet
„Ich weiß nicht ob mein Vater tot ist, aber ich weiß auch
nicht, ob er noch lebt“.
Angelika Treusacher
|
|
|
|

|
Gerhard
Henschel:
Der dreizehnte Beatle
DTV, München 2011, 208 Seiten, € 8,90
|
| |
|
|
|
|
Billy Shears begegnet in Hamburg einer
schönen Frau, die er von einem Splitter im Finger befreit. Sie
entpuppt sich als gute Fee und der Retter in der Not hat drei
Wünsche frei. Einer wird unsinnig verdaddelt, einer sorgt für
immerwährende finanzielle Unabhängigkeit, der dritte Wunsch
jedoch hat es in sich: Billy lässt sich in das Jahr 1966 nach
London versetzen. Er will verhindern, daß John Lennon die
Galerie Indica betritt, wo er Yoko Ono kennen lernt. Genau die
macht Billy für die Trennung seiner Lieblingsband wenige Jahre
später verantwortlich.
"Der dreizehnte Beatle" ist eine witzige
Komödie, in der wunderbares Kino im Kopf erzeugt wird.
Faktenwissen über die Musiklegenden der Zeit ist mit einer
Phantasiegeschichte verwoben, die die Pop- und Rockgeschichte
auf den Kopf stellt. "Imagine" gesungen von Tom Jones, "Lady
Madonna" mit den Stones auf Platz eins der Charts - wenn Sie
wissen möchten, welche verschlungenen
Pfade der Autor bis dahin beschritten hat und Sie gleichzeitig
besonders viel Schmökerspaß haben möchten, dann kommen Sie an
"Der dreizehnte Beatle" kaum vorbei.
Barbara Hoppe-Vennen
|
| |
|
 |
Marc
Fitten:
Valerias letztes Gefecht
DTV, München 2011, 304 Seiten
€ 8,90
|
|
|
|
Das kleine Dorf liegt irgendwo im
Hinterland von Ungarn. Alle Bewohner fürchten sich vor
Valeria. Sie verscheucht mit groben Worten die vor ihrem Haus
spielenden Kinder, auf dem Markt betastet Valeria verächtlich
die Paprika und Tomaten, die von den Händlerinnen angeboten
werden und macht ihnen unmissverständlich klar, dass die in
ihrem eigenen Garten gezogenen Gemüse von viel besserer
Qualität sind. Mit anderen Worten: Valeria ist die Dorfhexe.
Doch eines Tages, bei einer ihrer
gefürchteten Runden über dem Markt, stößt sie fast mit dem
Töpfer zusammen, der außerhalb des Dorfes lebt, und Valeria
verliebt sich in diesen Mann. Nun steht sie vor dem Dilemma,
aus der alten Hexe, in die sie sich in den letzten Jahrzehnten
verwandelt hat, wieder eine liebens- und begehrenswerte Frau
zu machen. Die üppige Gastwirtin des Dorfes, die den Töpfer
als ihren Liebhaber ansieht, mag diese Entwicklung gar nicht
gern...
Marc Fittens Roman ist eine berührende,
frivole, humorvolle und aberwitzige Dreiecksgeschichte um
Liebe im vorgerückten Lebensalter , in der einzig der fahrende
Schornsteinfeger – eigentlich ein Glücksbringersymbol – zum
wirklichen Verlierer wird; es ist ein Genuss, diesen Autor zu
entdecken.
Walter Vennen
|
|
|
|
|
| |
|
|
|
|